Hauch der Geschichte – Das restaurierungsbedürftige
Beginenhaus in Kempten
(von Jochen König)
[Das schöne Allgäu, Mai 5/2005, S. 33-36]
Nach einem Besuch im Haus „Lichtblick“ der Diakonie hatte
ich von einer gewissen Agnes Wyssach gehört. Ihr war es zu verdanken
gewesen, dass dieses Haus, in dem ich damals war, im Jahre 1469 einer
gründlichen Instandsetzung unterzogen worden war. Doch warum war
das nötig gewesen? Die Kemptener Historikerin Birgit Kata hat es
mir erzählt: „Dieses Haus hatte bereits im Jahre 1289 der
Fürstabt
aller Wahrscheinlichkeit nach als ‚Seelhaus‘ errichten lassen. Es
diente wohl dazu, Pilgern, Reisenden oder sonstigen Bedürftigen
neben einem sicheren Nachtquartier auch Speise und Trank zu bieten. Bewirtschaftet
wurden solche Häuser oft von religiösen Frauengemeinschaften,
deren andere bedeutende Aufgabe die Seelengebete und der Besuch der Gottesdienste
für die Wohltäter dieser Einrichtungen waren. Nun scheint aber
das Kemptener Seelhaus um die Mitte des 15. Jahrhunderts aus irgendeinem
Grund baufällig und unbewohnbar geworden zu sein.“
Und nun kommen wir wieder auf den Namen Agnes Wyssach zurück. Diese
wohlhabende Kemptener Bürgerstochter sah hier die Notwendigkeit
ihrer Mithilfe und stiftete Geld aus ihrem Vermögen zur Instandsetzung
des Seelhauses. Ein Jahr nach der Gründung der Stiftung – also
1470 – gelang es Agnes Wyssach, vom Augsburger Bischof einen Bestätigungsbrief
für die neue Gemeinschaft im „Seelhaus zum Steg“ zu
bekommen, was für das Haus gleichsam wie ein Schutzbrief eines mächtigen
und höheren Herrn war.
Ich wollte von Birgit Kata wissen, wie lange dieses Seelhaus hier an
dieser für die Stadt wichtigen Stelle Bestand hatte. „Leider“,
meinte sie, „wissen wir das nicht genau. Aus den Quellen ist lediglich
bekannt, dass das Haus im Jahre 1600 im Besitz des Kemptener Patriziers
Hans Stockher war.“ Was aber war mit der Gruppe frommer Schwestern
geworden? Wurde ihr Haus am Mühlberg verkauft, um Geld für
den Erwerb neuer Grundstücke für einen Klosterbau unter dem
Freudenberg zu bekommen? Oder lebten die Frauen nach dem Verlassen des
„Hauses am Steg“ nun in einem anderen Schwesternhaus, vielleicht
dem „Haus
zur Stiege“?
An dieser Stelle verlieren sich auch die Spuren von Agnes Wyssach; ich
suchte ein weiteres Schwesternhaus des spätmittelalterlichen Kempten
auf, das „Haus zur Stiege“ an der Burgstraße - heute
unter dem Namen Beginenhaus bekannt. Von seinem Anblick war ich allerdings
zunächst enttäuscht. Zugeklebte Fensterscheiben, unsaubere
Fassade, wahrhaftig kein Prunkstück an diesem markanten Punkt der
Stadt. Es muss einmal ein prächtiges Haus gewesen sein, und ich
wunderte mich, wie man wohl vor 500 Jahren derart hohe Häuser bauen
konnte. Übrigens hatte ich gehört, dass ein wunderschöner
Torbogen mit der Jahreszahl 1502 seinen Eingang zieren soll. Durch die
Brennergasse gelangte ich auf die Rückseite des Gebäudes. Hier
sah das Ganze wirklich ‚heimelig‘ aus, und ich fühlte mich
in den Kern einer mittelalterlichen Stadt versetzt.
Und auf einmal stand ich vor dem Portal mit der Inschrift, von der ich
schon gehört hatte. Sie war schwer zu lesen, doch Birgit Kata half
mir dabei: „Das ist das lamgotz 1502 ain biu haltter der cristenheit.“ Daneben
deutlich zu sehen, plastisch aus dem Stein gemeißelt, eine Segenshand
und ein ‚Lamm Gottes‘ als Sinnbild für den ‚biuhaltter‘,
den Behalter, also den Bewahrer der Christenheit.
Ein interessanter Besuch
Das Portal hatte ich gesehen, aber warum hieß das Haus einst Schwesternhaus
‚zu der Stiege‘? Birgit Kata hat es mir erzählt: „Genau
hier ging eine Treppe, also eine Stiege auf die Stadtmauer“, erfuhr
ich. „Zwar
besteht dieser Aufgang heute nicht mehr, aber im so genannten Nonnenturm
ist im ersten Obergeschoß der Wehrgang entlang der Stadtmauer mit
seinen originalen Laufbrettern und den Durchgängen zu den Nachbarhäusern
noch vollständig erhalten.“
In diesem Haus lebte also ebenfalls
eine Gemeinschaft frommer Frauen, die im Mittelalter meist ‚swestran‘ (Schwestern)
oder ‚tochtran‘ (Töchter)
genannt wurden, erst später ‚nonnen‘. Der Name ‚Begine‘ – eine
Bezeichnung für fromme, wohltätige Frauen, die in
einer ordensähnlichen
Gemeinschaft lebten – kam im Allgäu viel später auf.
Wir wissen
nicht, wie lange die Frauen dort lebten, wie viele Schwestern die Häuser
bewohnten und wodurch sie ihren Lebensunterhalt bestritten. Was wir
aber wissen ist, dass die Häuser vom 16. bis zum 18. Jahrhundert
reichen und hochrangigen Kemptener Patrizierfamilien gehörten. So
zählten auch der Bürgermeister und Spitalpfleger Heinrich Seltman,
der Bürgermeister Raimund Dorn und der Stadtamman Bonrueder zu den
Bewohnern des Hauses.
Birgit Kata hatte mir viel über das Haus erzählt
und zudem hatte ich aus Zeitungsberichten erfahren, dass in Kempten ein
Förderverein
für das Beginenhaus gegründet worden war, der Geld für
eine denkmalgerechte Sanierung der Häuser sammelt.
Bernadette
Mayr vom Vorstand desFördervereins hatte sich Zeit
genommen und führte mich durch das Haus.
„Kein Wunder, dass Sie die gesuchte Inschrift nicht gleich gefunden
haben“, erzählte sie mir gleich am Anfang unseres Rundganges,
„sie gehört ja eigentlich auch auf die Vorderseite des Hauses
an der Burgstraße. Dort überspannte dieser Bogen auch bis
1936 das Eingangstor. Als dann aber der Schlossermeister Bretzel hier
seine Werkstatt umbaute, brauchte er ein größeres, modernes
Einfahrtstor. Der alte Torbogen wurde also kurzerhand auf die Rückseite
versetzt.“
Als das Licht langsam in das alte Gebäude eindrang, fühlte
ich zum ersten Mal so etwas wie den „Hauch der Geschichte“. Was
hatte dieses Haus in den vergangenen 600 Jahren nicht alles erlebt? Wer
hatte wohl in diesen Mauern alles gewohnt, gearbeitet, sich gefreut und
gelitten? Plötzlich jedoch hörte ich Wasser plätschern:
„Ja, eine kaputte Dachrinne macht uns hier große Sorgen.
Sie sollte bald gerichtet werden, damit von der wertvollen alten Bausubstanz
nicht noch mehr verloren geht!“
Dann standen wir in einem kleinen Innenhof zwischen den beiden Gebäuden.
Hier schien die Zeit stehen geblieben zu sein. In ganz Kempten dürfte
es wenig romantischere Eckchen geben und wohl kaum einen anderen Platz,
wo man sich ein kleines Café besser vorstellen könnte.
„Hier muss wirklich bald eine Notsicherung beginnen“, meinte
Bernadette Mayr, „das sieht auch das Bayerische Landesamt für
Denkmalschutz so. Schließlich werden bei größeren Schäden
ja auch die Kosten für eine Restaurierung höher, wenn es doch
einmal dazu kommen sollte ...“
Ein Haus voller Geschichte
Wir stiegen also nach oben. Die Bauherren
früherer Jahrhunderte
mussten bestes Baumaterial verwendet haben, sonst könnten die Treppen
nicht heute noch so fest und die Mauern so trocken sein. Das konnte man
trotz der vielen Veränderungen im Inneren des Hauses sehen, denn
alle Bewohner – und nicht zuletzt die baulichen Eingriffe im 19.
Jahrhundert oder die Wohnungsnot der Nachkriegszeit – hatten hier
ihre Spuren hinterlassen. Viele Wände sind erst nachträglich
eingefügt
worden, ein Klopfen daran bestätigte, dass es sich um Sperrholz-
oder Heraklitplatten handelte.
Dazwischen aber gibt es große Räume,
die gleich wieder Pläne
wachsen ließen. „Hier könnte doch ein Versammlungsraum
entstehen, oder man könnte Lesungen abhalten ...“ meinte Bernadette
Mayr, und ich spürte wieder ihre Begeisterung.
Wir stiegen und stiegen.
Die Treppen des Hauses schienen kein Ende zu nehmen. Sie wurden zwar
enger, waren aber doch recht gut begehbar. Natürlich
hatte hier oben ganz unter dem Dach nie jemand gewohnt. Dafür aber
staunte ich über die kräftigen, festen Balken. Ob das wohl
die ersten Balken waren, die vor Jahrhunderten hier zu einem Dachstuhl
zusammengefügt worden waren? Wenn ja, kann ich nur sagen: Gut erhalten!
– das ist echte Kemptener Geschichte.
Wir waren inzwischen wieder
einige Stockwerke herab gestiegen und an ein Fenster getreten, das uns
auf die Burgstraße hinabblicken ließ.
Als ich die zwei verschieden profilierten alten Steinsäulen betrachtete,
meinte Bernadette Mayr: „Wäre es nicht schade, wenn hier nichts
geschehen würde? Eine sechshundertjährige Geschichte, die sich
hier auf Schritt und Tritt zeigt. Alte Treppen, bemalte Decken, ein Jahrhunderte
alter Dachstuhl, wie Sie ihn vorhin gesehen haben. Sogar eine spätmittelalterliche
Großküche war in diesen Mauern. Und dazu Platz, viel Platz!
Was kann man in diesem Haus nicht alles unterbringen?!“
Was wohl eine
grundlegende Sanierung kosten würde? Bernadette Mayr
wirft mir einen viel sagenden Blick zu und antwortet nur: „Zwei
Millionen Euro.“
Wie soll es weitergehen?
Ich erinnere mich, vor etwas mehr als zwei
Jahren von einer Gruppe engagierter Frauen erfahren zu haben, die sich
ernsthaft mit dem Gedanken trug, dem alten Gemäuer wieder „Leben
einzuhauchen“. Von einer vielseitigen
Nutzung war die Rede, von Praxen und Werkstätten, von Ateliers und
Veranstaltungsräumen. Aber auch von dem Problem, die Eigentumsverhältnisse
zu klären und das Haus in den Besitz der Stadt zurückzuführen.
„Und
um hier weiterzukommen, gründeten wir im Juli 2003 den
Förderverein Beginenhaus Kempten e.V“ erzählte mir Bernadette
Mayr. „43 Personen waren zur Gründungsversammlung gekommen,
um ein gemeinsames Ziel anzustreben: Den Erhalt und die denkmalgerechte
Sanierung des Beginenhauses und des Nonnenturmes. Um den kunst- und baugeschichtlichen
Besonderheiten dieses bayernweit einzigartigen Denkmals wieder gerecht
zu werden.“
Damit alle Anwesenden in Einzelheiten „eingeweiht“ werden
konnten, hatte eingangs die Historikerin Birgit Kata in einem Vortrag
mit Bildern die Häuser 3 und 3 a in der Burgstraße vorgestellt,
also das Beginenhaus und den Nonnenturm. „Alle Anwesenden waren
sich danach einig: Ein vorbereitendes Gutachten musste in Auftrag gegeben
werden. Damit soll der Ablaufplan der einzelnen Sanierungsstufen, ein
Restaurierungskonzept und ein Nutzungs- und Finanzplan erarbeitet werden.“
Eine
aktive Vorstandschaft war an die Arbeit gegangen: Vorsitzende Birgit
Kata, Schriftführerin Bernadette Mayr und Kassenwartin Renate Domin.
„Wir trafen uns bald mit Oberbürgermeister Dr. Netzer, um über
unser Vorhaben und die Eigentumsverhältnisse des Beginenhauses zu
sprechen. Er zeigte sich beeindruckt vom Engagement des Vereins und den
Vorarbeiten. Zwar konnte er in Zeiten leerer Kassen keine großen
Versprechen für die finanzielle Förderung machen, doch sicherte
er zu, dass die Stadt Kempten im Falle der Sanierung ihrer Verpflichtung
gegenüber
dem baulichen Erbe Kemptens durch Übernahme des kommunalen Pflichtanteils
nachkommen würde.“
Und die Frauen haben bereits Geld zusammengetragen. „Wir
haben die 7000 Euro, die als Eigenbeteiligung des Vereins Voraussetzung
für
die Erstellung eines Gutachtens sind. Den Rest würde das Denkmalamt übernehmen
– vorausgesetzt das Beginenhaus geht zuvor in den Besitz der Stadt über." Nun
– der Liegenschaftsausschuss hat dieser Besitzrücknahme bereits
zugestimmt.
„Wir haben viel vor!“
Es geht nicht einfach um einen Um- und Ausbau, man macht sich detaillierte
Gedanken. „Für jeden Raum soll eine geeignete Nutzung ‚maßangefertigt‘ werden.
So brauchen Büroräume ja andere Lichtverhältnisse
als Behandlungszimmer in Praxen von Ärztinnen und Therapeutinnen.
Auch braucht nicht jeder Raum eine Wasserleitung – und da, wo noch alte
Wandmalereien vorhanden sind, sollte sich niemand niederlassen, der die
Wände mit Schränken verstellen will. Und, wenn wir es auch noch
schaffen, einen gastronomischen Betrieb anzusiedeln, so kann derja nicht
im dritten Stock sein, sondern gehört ins Erdgeschoß, nicht
zuletzt weil ja ein Eingang von der Burgstraße her existiert. Mit
seinen vielen verschiedenen Nutzungen soll das Beginenhaus in Zukunft ein
lebendiger Anziehungspunkt für die Kemptenerinnen und Kemptener sein."
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14. Juni 2005
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